• Etikette auf einer Tanzveranstaltung

    Meine lieben Tänzer und Tänzerinnen,

    zum Verhalten auf Bällen und Galas gibt es natürlich so etwas wie den „Knigge“. Aber wie ist das auf relativ entspannten Tanzveranstaltungen wie dem Café Keese, oder Clärchens Ballhaus – muss man sich hier an eine Etikette halten?

    Meine persönliche Meinung dazu ist: Dass ich mich an eine Etikette halte, hat ja nichts damit zu tun, dass ich das „muss“. Sondern es ist eine Frage des Anstands und Respekts, dass man sich an ungeschriebene Regeln hält, um gemeinsam mit vielen anderen Tänzern einen wundervollen Abend zu haben, bei dem sich alle (also nicht nur ich selbst) wohl fühlen, sich gegenseitig respektvoll und höflich behandeln, und keiner blosgestellt wird oder unberechtigt doof da steht.

    Deshalb ist es mir auch in meinem Unterricht sehr wichtig, ein paar dieser ungeschriebenen Regeln zu vermitteln, die mir selbst so sehr am Herzen liegen.

    • An oberster Stelle steht der Spaß und der Schutz aller Anwesenden

    Das klingt trivial, ist es aber überhaupt nicht. Die allermeisten Tänzer stellen leider Ihren eigenen Tanzstil und Ihr Prestige an erste Stelle. Ich persönlich zum Beispiel tanze nicht mehr mit Führenden, von denen ich weiß, dass sie Ihre Tanzdame wie eine Waffe in die Menge werfen. Wenn ich beim Tanzen durch die Dame eines Herren zwei Mal getreten werde, würde ich mit diesem Herren nicht mehr tanzen. Viele schieben es auf die vollen Tanzflächen, dass man sich tritt. Ich bin im Café Keese leider schon sehr sehr oft getreten (und auch schon mehrmals verletzt) worden, und habe auf der anderen Seite auf vornehmen Bällen mit mindestens drei Mal mehr Tanzpaaren auf der Fläche absolut ungestört und sicher getanzt. Es ist keine Frage der Anzahl oder Dichte der Tanzpaare, sondern eine Frage des Könnens und der Einstellung – vor allem der Führenden. Ein sehr guter Freund hat es zum Wiener Walzer auf dem Wiener Opernball einmal so formuliert: „Wiener Walzer tanzen ist hier einfach nur Die-Dame-Schützen und Die-Dame-Schunkeln.“ Das hat er als seine Aufgabe verstanden, und das finde ich großartig!!! Wenn die Menge der Tanzpaare es nicht hergibt, kann man bestimmte Figuren oder Schrittgrößen eben einfach nicht tanzen. Punkt 🙂

    • Ich passe meinen Tanzstil den Platzverhältnissen an. Nicht umgedreht.

     

    • Wenn ich jemanden trete, oder mein Tanzpartner jemanden tritt, entschuldige ich mich. Und ich nehme Entschuldigungen auch an.

    Es gibt Tanzveranstaltungen, da lächeln alle Tanzpaare. Und es gibt Tanzveranstaltungen, da stehen fast alle Tanzpaare wie auf magische Weise und ohne Absprache in Konkurrenz zueinander. Wenn Du Dich entschuldigst, wenn Du jemandem weh tust, und Entschuldigungen annimmst, wenn Dir weh getan wurde, gehört das ganz sicher zur guten Etikette – nicht nur auf der Tanzfläche.

    • Tänzer haben Vorfahrt

     

    Wenn Du an der Fläche entlang läufst, laufe ganz außen und lasse den Tänzern die Vorfahrt. Da Du selbst ja auch Tänzer oder Tänzerin bist, kannst Du sicherlich gut sehen, wo bald eine Lücke entstehen wird, um am Rand vorbei zu laufen.

    • Tänze werden zuende getanzt.

    Natürlich nur, wenn es keinen wirklich dringenden Grund gibt, abzubrechen. Z.B., weil es zu voll ist, weil Euch etwas weh tut, Ihr getreten worden seid, oder weil gerade jemand Eure Handtasche klaut und Ihr hinterher laufen müsst.

    Diese Regel gilt nicht nur aus Respekt gegenüber dem Tanzpartner. Sondern auch, um die anderen Tanzpaare nicht zu stören, weil ihr über die Fläche lauft.

    • Tanze mindestens einen Tanz.

    Wenn der Tanz nicht mein Geschmack ist (aus welchem Grund auch immer), dann tanze ich nur einen Tanz, wenn ich Freude daran habe, gern auch mehr als einen Tanz.

     

    • Für die Herren

    Ich passe meinen Tanzstil und das Figurenrepertoire den Fähigkeiten der Dame an. Nicht umgedreht. Als Führender kann ich mit meinen Figuren nur so weit gehen, wie die Dame mitkommt und dabei noch gut aussieht. Auch wenn ein Herr krasse Wickelfiguren kann und mir das auf der Tanzfläche beweist – wenn ich dabei blöd aussehe, ist das kein besonders guter Stil.

    Ich bringe die Dame nach dem Tanz dorthin zurück, wo ich sie hergeholt habe. Auch das klingt trivial, wird aber nur sehr sehr selten gemacht. Und es macht einen RIESEN Eindruck, wenn Du das tust!

    • Für die Damen

    Sage klar ja oder nein, wenn Du zum Tanzen aufgefordert wirst. Auch bei einem Nein bitte Lächeln 🙂 Einen kurzen Grund nennen („Vielen Dank, liebend gern, aber ich brauche eine kurze Pause.“ oder „Vielen Dank, liebend gern, aber ich mag die Samba überhaupt nicht.“ oder „Vielen Dank, liebend gern, aber mein Tanzpartner holt gerade ein Getränk.“ oder „Vielen Dank, liebend gern, aber ich bin heute verabredet hier und tanze deshalb mit niemand anderem.“ oder „Vielen Dank, ich habe diesen Tanz schon versprochen.“ usw.) Wenn es nur in dem Augenblick nicht passt, und Du sehr sehr gern mit dem Herren tanzen möchtest, sagst Du vielleicht einfach noch dazu „Aber den nächsten Walzer sehr gern.“ Wenn der nächste Walzer kommt, schaust Du dann einfach, ob Du Blickkontakt zu diesem Herren bekommst.

    Nur wenn Du mit diesem Herren wirklich nicht tanzen möchtest (Körperhygiene oder ein rowdyhafter Tanzstil sind für mich Gründe – aber da hat jede Dame ihre eigenen), dann sag einfach nur lächelnd „Herzlichen Dank, dass Sie fragen, aber nein“ :-).

    Wenn es Dinge gibt, die Dir weh tun (z.B., dass Du beim Discofox immer an seiner Uhr hängenbleibst), dann sag ihm das. Alles andere behalte für Dich.

    Wenn Du richtig viel Spaß am Tanzen haben möchtest, akzeptiere die Herrenwahl. Egal, ob Du hier eher emanzipiert eingestellt bist – denn da hat natürlich jede Frau Ihre eigenen Wünsche, ob der Herr auffordert oder nicht. Aber aus tänzerischer Sicht ist die Herrenwahl ganz sicher sehr sehr sinnvoll. Denn der Herr als Führender muss den Tanz ja „herstellen“. Das heißt, er muss sich die Musik kurz anhören, ob er zu diesem Titel tanzen kann. Er schaut sich an, wie voll es auf der Fläche ist. Er überlegt, oder er die Power und Konzentration hat für diesen (mindestens einen) Tanz. Und er sucht sich aus, mit welcher Dame er diesen Tanz tanzen möchte – und kann. Ich fordere deshalb nie auf, weil ich große Hochachtung vor dem Führen habe und möchte, dass der Herr Lust und Power hat, wirklich gut zu führen. Es gibt allerdings eine sehr charmante Alternative zur Damenwahl: Wenn Du den Herren wissen lässt, dass Du gesehen hast, wie gut er tanzt und dass Du große Lust hättest, irgendwann einmal mit ihm zu tanzen. Und dann fordert er Dich vielleicht – und vielleicht sogar schon zum nächsten – Titel auf.

    • Kritisiert Euch nicht gegenseitig

    Hier kann ich nur immer wieder meinen Lieblingssatz von Marc Heldt zitieren: „Die Idee des gemeinsamen Tanzens ist SO VIEL GRÖSSER, als dass man sich gegenseitig kritisiert.“